Die kleine Wolke, die als einzige den Himmel bedeckte, spiegelte sich im Türkisen Meer wieder. Sie machte den Himmel unrein, das unendliche Blau wurde gestört.
Die Sonne brannte unerbittlich, heiß und gnadenlos. Mit starren Blick saß ich da. Unschuldig, einfach sitzend in dem heißen Sand, so weiß wie der Schnee. Er war markelos. Über eine weite Distanz erstreckte sich nur dieser weiße, unverfälschte Sand, als gebe es kein Ende dieser Welt. Doch er war nicht unbeschmutzt. Ein großer Fleck von glänzendem, frischen Blut trocknete langsam in der Sonne. Das Blut war vergossen worden, aus Dummheit, das Lebewesen war geschlachtet worden, aus Angst. Menschen waren das, Menschen wie ich. „Ihr seid nichts weiter als Tiere! Ihr habt keinen Verstand!“,wisperte es aus der Leere, die hinter mir war. Nichts als schwarze Leere. Bedrückend, aber irgendwie unglaublich beruhigend. Ich hörte markterschütternde Schreie, die unverkennbar aus der Leere kamen. Hatte dieser Toter die Angst, vor dem Herren, verachtet zu werden und in das ewige Leiden verdammt zu werden?!
Das klare Wasser begann sich rot zu färben. So rot, wie der Fleck auf der Reinheit des Sandes. Ganz langsam. Das türkise, ruhige Wasser kam mir plötzlich bedrohlich vor. Ich starrte auf die faszinierenden Spiralen die das Blut im Wasser zog. War es verboten, Blut schön zu finden?Langsam formte es etwas. Ein Gesicht. Unverkennbar, ein Gesicht, die geschwungenen Umrisse, einer Person, die ich kannte, aber es nicht wollte. Ich wollte schreien, die Erinnerungen aus meinem Kopf schreien, alles. doch der Schrei wurde erstickt. Durch mein eigenes Blut. Es lief langsam über den sandigen Boden, wie angezogen von dem Nichts, der Leere. Mein toter Körper löste sich auf. In den gleichen weißen Sand, auf den ich vorher gesessen hatte, so gleichgültig, so unbedeutend...
Schreiend, schwei?nass und kreidebleich fuhr ich hoch. Mein Blick war nicht auf türkisfarbenes Meer und Blut, sondern auf ein Fenster, bei dem die Vorhänge zugezogen waren, gerichtet.
Einer dieser Träume, die mir so unendlich lebendig vorkamen. Einer dieser Träume, die ich nicht verstand.Erschöpft stütze ich meinen Kopf ich meine Hände. Das waren keine normalen Träume. Dafür waren sie zu lebendig. Mein Körper fühlte sich immer noch heiß an, gewärmt von dem Sand und der Sonne. Ich beschloss aufzustehen. Die Frische, die sich außerhalb meines Bettes im ganzen Zimmer ausgebreitet hatte, ließ mich frösteln, doch gab mir widerrum das Gefühl, wieder in der Realität angekommen zu sein. Diese Wärme in meinem Körper war mir unheimlich. Ich ging langsam zum Fenster und lehte meinen Kopf an die Fensterscheibe, die gekühlt von der natürlichen Kälte der Nacht war. Ich verharrte solange, bis das letzte bisschen Wärme auch aus meinem Kopf gewichen war.
Ich wusste ehrlich nicht, warum ich andauernd von dieser Leere, diesen Schreien und dem Blut träumte. Hatte es einen tieferen Sinn? Wahrscheinlich war es einfach der Stress, den ich in letzter Zeit hatte. Letzte Woche der Ferien und ich hatte noch so viel zu lernen gehabt. Mein Kopf war wohl einfach überanstrengt. Die Logik, die ich gefunden hatte, beruhigte mich jedoch nur minimal.
Ich sah nach draußen und erblickte nur die tiefe, schwarze Nacht, der Himmel so unendlich wie die Leere. Wie viele Menschen leiden gerade dort draußen? Es war merkwürdig, dass wenn ich an die Leere dachte, mir sofort Leiden in den den Sinn kam.
Irgendwo in der Welt wird gerade unrecht getan und Menschen wie ich verlieren etwas wichtiges, jemanden wichtigen. Und Ich. Ich stehe hier. Stelle mir Fragen und lebe.
Ich lebe.
Wie selbstverständlich das doch für uns ist, zu leben. Manchmal kam es mir so vor, als würde das bloße Leben uns erst genug erscheinen, wenn man in Gefahr ist, oder schätzte jeder Mensch, jeden Tag, sein Leben? Unvorstellbar.
Doch all diese Fragen waren in diesem Moment unwichtig. Ich brauchte nur noch Schlaf und zwar einen ruhigen, ohne Träume. Ich schlich zurück ins Bett und deckte mich nicht zu. Ich hatte Angst davor, erneut die Wärme zu spüren und so schlief ich zitternd und mit Gänsehaut ein. Die Träume blieben von mir fern, so als hätten sie Angst vor der Kälte...
„Hast du für Mathe gelernt?“ Moira schaute mich fragend an. „Huhu?! ?! Ich rede mit dir?!“. Sie rollte mit ihren Augen, ließ ein genervtes Seufzen von sich hören und starrte mich an.
Was sollte dieser Traum gestern? Träume werden doch normalerweise davon produziert, was die Eindrücke vom ganzen Tag waren. Und was wenn alles bildlich gemeint war? Aber was hatte Sand, Blut und Leere mit mir zu tun? Und was sollte dieses fremde Gesicht, dass mir so bekannt vorkam? „Ronja!“,Moiras Stimme zerschnitt meine Gedanken und holte mich wieder zurück in die Realität. Erschrocken, schaute ich sie an, während Moira verblüfft, aber irgendwie amüsiert zurück schaute. Sie war nach 9 Jahren Freundschaft immer noch überrascht wenn ich gedankenverlorenen vor mich hinstarrte und nichts mitbekam, war schließlich schon oft genug vorgekommen. Leicht klopfte sie mir auf den Kopf und zog mich Richtung Klassenzimmer, durch das Gewirr von Stimmen und Körpern.
Wir besuchten eine Privatschule, die bekannt für ihre Strenge war. Nur wenige konnten es sich leisten, diese Ausbildung zu bekommen, aber mein Vater hatte uns extra dafür Geld gegeben, bevor er nach Deutschland gegangen war. Moira kam eh aus einer eher wohlhabenden Familie, konnte aber auch nicht in Geld baden. Trotzdem sah sie jeden Tag merkwürdig aus, denn ihr verruchtes Ich passte einfach nicht in die vornehme Uniform. Sie hatte wilde dunkelrote Locken, braune Augen, die unglaublich an ein Reh erinnerten, ihr Äußeres sprach für sich. So wunderschöne rote Haare fand man eben doch nur in Irland. Ich hingegen, passte perfekt in die glattgebügelte, hellblaue Bluse, die unter dem ärmellosen, hellbeigen Knopfjäckchen getragen wurde. Mein ruhiges Ich wurde oft verschluckt durch meine Lebensfreude, Menschen, die mich nur flüchtig kannten, würden meinen Charakter eher ganz anders einschätzen und nicht erwarten, dass ich des Nachts aus dem Fenster sehe und die Sterne bewundere.
Der Rest meiner Uniform bestand aus einem, für meinen Geschmack, viel zu langen karierten Faltenrock, hohen weißen Kniestrümpfen, an ihrem Bund mit dem Wappen der Schule geschmückt, und einer blauen Krawatte, welche ebenfalls das Wappen trug. Meine dunkelbraunen Haare waren im Gegensatz zu Moira's Lockenpracht eher langweilig und trotzdem regten sie mich auf. Sie waren eher eine Mischung zwischen Locken, ungekämmt und glatt.
Ich setze mich, wie jeden Tag, an meinen Sitzplatz und schaue aus dem Fenster.Reine Routine. Lange beschäftigte ich mich nicht mit meinen Mitschülern, aber das nahmen sie mir nach dieseen ganzen Jahren auch nicht mehr böse.
Draußen wippten die Äste im sanftem Wind, so wie immer zu dieser Zeit, im schwachen Licht der Sonne, die gerade aufgewacht war. Zu gerne würde ich jetzt den Wind in meinem Haaren spüren, die leichte Sonne auf der Haut kitzeln lassen, die Freiheit riechen-
Seufzend wendete ich wieder meinen Blick nach vorne und entdeckte jemanden, der mir nie über den Weg gelaufen war, aber ich hatte das Gefühl, mich ihm nähern zu müssen, weil ich sonst nicht weiter käme. Etwas zog mich dazu, aufzustehen und ihn mir anzusehen, irgendetwas. Also stand ich auf, ließ die Äste weiter wippen, vergaß die schöne Freiheit dort draußen und starrte auf den Neuen. Dieser war in ein Buch vertieft, aber für mich schien es so, als würde er einfach nur auf jemanden warten und wollte das mit dem Buch so unauffälliger gestalten. Doch trotzdem hob er seinen Kopf der umgeben von dein braunen, verwuschelten Haaren war und sah mich an, doch ich wollte nicht Augenkontakt mit ihm, er war mir gruselig.
Perplex suchte ich mit den Augen nach Moira, doch diese stand lachend in der Ecke, umgeben von neugierigen Mädchen und berichtete anscheinden von einem pikaten Ereignis. Ich seufzte enttäuscht, jetzt zu stören wäre unverschämt, Natürlich
Ich seufzte enttäuscht, jetzt zu stören wäre unverschämt.
Wie automatisch sah ich wieder nach draußen auf die Bäume, jedenfalls wollte ich es, doch vorher streifte mein Blick diese Augen. Diese giftgrünen, grellen Augen. Ich hatte mein Gefühl, dass der Anblick dieser Augen mein Leben verändern würde.
Ich kannte ihn nicht, ich wollte ihn nicht kennen. Ein Gefühl nahm mich gefangen, ohne dass ich sowas wollte, ohne dass ich es verhindern konnte. „Beschütze ihn...beschütze ihn!“,flüstere es in meinem Kopf. Es stach und brannte, als würde man mir glühende Nadeln, tausend an der Zahl ins Hirn drücken und an die Nähe des Herzens, an einen Punkt den ich nicht definieren konnte. Mir wurde schwindelig, schwarz vor den Augen und ich hüllte mich in Leere. Wenige Sekunden später saß ich wieder auf dem weißen Sand. Der Blutfleck war immer noch da, doch das Wasser war glatt wie ein Spiegel, ohne die geringsten Anzeichen an Bewegung. Es schien mir, als wäre es Eis. Die Sonne war verschwunden, wie verschluckt von der Leere der Nacht, das Blut des Tages aufgesaugt. Der Mond schien heller als je zuvor, mächtiger als sonst. Schöner als alles dieser Welt. Kälte umhüllte mich, wie eine tröstende Mutter ihr Kind in den Arm nahm. War die Leere noch da? Ich drehte mich um und stellte fest, sie war noch da. Mein Schatten, geworfen von dem Mond führte in sie, in die Leere, vor der ich mich so gefürchtet hatte, doch ich hatte keine Angst mehr. Eine Hand, schwarz, wie diese Leere streckte sich mir entgegen. Fordert winkte sie leicht. Umhüllt und geführt von dem Mondschatten nahm ich diese Hand in meine und schloss die Augen. Die vollkommene Kälte schlich sich in meine Körper, doch es war, als wäre ich neugeboren. Die Schattengestalt umarmte mich und zog mich mit in diese Leere und flüsterte leise in mein Ohr: „Acceptus Filius“.
„Ronja!“,es war die Stimme von dem Neuen drang durch mich und ließ mich aufwachen. Ich saß auf meinem Stuhl und umschlossen von den Armen des neuen, dessen stechend grünen Augen mich besorgt ansahen.
Ich schreckte auf, schrie aber nicht, sehr zu meinem Überraschen.
Es war, als hätte sich alles aufeinmal alles geändert. Als wäre der Traum vollendet und aufgegangen. Der Neue war auf einmal jemand anderes für mich. Ich sah ihn verdutzt an. „Eh...wie heißt du eigentlich?!“,fragte ich leise, wie gebannt auf dieses grünen Augen starrend. „Robin“,sagte dieser leise und behutsam, als würde mich Schallwellen zerbrechen. Ich nickte nur perplex. Verdammt. Was war eben passiert? Das war nicht Ich, nicht die alte Ronja, das Mädchen, dass mir aus so vielen Fotoalben entgegen lächelt. Ich fühlte mich neu, doch ich fühlte mich nicht wohl. Es war mir unangenehm von ihm umschlossen zu werden, doch, irgendwie wollte ich auch nicht weg von ihm. Robin war das also. Er kam mir nicht bekannt vor, doch diese Augen ließen mich nicht los. Ich kannte sie. Genau diese Augen, eine Ewigkeit bevor ich überhaupt geboren worden war. Ich fühlte mich, als hätte ich schon im Bauch meiner Mutter über diese grünen Augen nachgedacht und über diesen Besitzer der Augen. Es war mir alles so schnell gegangen. Eben noch in diesem Moment war alles normal, dein Leben war normal, einfach und schön. Von einem Moment auf den anderen findest du dich in einer neuen Welt wieder, als neuer Mensch, oder war ich noch im Traum? Gar nicht aufgewacht? Es schien mir eh unnormal und unrealistisch, dass ich Robin nicht kannte, aber mir sicher war, diese Augen zu kennen. Eine Ewigkeit.. länger als...“Ronja? Geht’s dir wirklich gut?“,erneut riss mich Robin's Stimme aus meinen Gedanken, „du wirkst so abwesend.“. Das war ich auch, mein Lieber, ich grübelte, was passiert war, als du heldenhaft mich in den Armen gehalten hattest! Dieser Traum. Ich hätte nicht in die Leere gehen sollen. Ich hätte rennen sollen,weg von der Leere, über das Eis und wenn ich einbrechen würde, weg von der Leere! Doch diese Schattengestalt hätte es nicht gewollt und ich wollte zu ihr. Ich legte Robin's Arm von meiner Schulter, nuschelte ein kurzes „Dankesehr“ und setze mich wieder auf meinen Platz. Robin blieb perplex auf seinem Stuhl und widmete sich wieder seinem Buch. Ich sah ihn an . Ich hatte das Bedürfnis zu ihm zu gehen und einerseits wollte ich, dass er sich in Staub auflöste und nie wieder kam. Einen kurzen Augenblick überlegte ich sogar, ob nur ich Robin sehen konnte. Ich hatte Angst, das erste Mal in meinem Leben hatte ich Angst vor jemanden, den ich nicht kannte. Angst vor der möglichen Wahrheit hinter diesen Augen. Der Lehrer kam rein, unbeholfen und verschlafen wirkend, wie immer. Die Routine traf ein. Die Schüler stöhnten, Reißverschlüsse surrten, Hefte knallten auf den Tisch. Es war wie jeden Tag, doch ich nahm es intensiver war. Es war keine Routine mehr für mich, es war wie, als wäre ich zum ersten Mal in einer Schule. Es schauderte mich, doch auch ich nahm mein Heft heraus, ließ die Reißverschlüsse surren und schloss mich der Routine an. Alles um mich normal zu fühlen, wie immer, doch dem war nicht so.
Moira grinste ihr typisches Moira-grinsen. Sie strahlte schon den ganzen Tag über, während ich seid diesem Zusammentreffen nur noch grübelte. Über meinen Sinn zu leben, über Routine und Träume, über Sachen, über die man so viel erzählen konnte, aber man nach zwei, drei Sätzen eh aufhört, weil es zu kompliziert wird. Über Dinge, über die ich nie nachgedacht hatte.
Es war Pause. Schon wieder diese Routine, für alle. An der wir so hängen. Ist sie weg, fühlt man sich unwohl, verglichen mit dem Gefühl von Heimweh, dem Vermissen von gewohnter Umgebung und Taten. Die Welt war anders für mich geworden. Vernebelter. Als würde ich so wenig über das alles hier wissen. Alle Nachrichten und Berichte, die ich lesen würden, würden die Welt kein bisschen klarer machen. Diesen Nebel der Ungewissheit konnte nur ich zerstören. . „Schönes Wetter, oder?“,schon wieder riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Es war Moira's Stimme und ich war verdammt froh, sie zu hören, denn je näher ich der möglichen Wahrheit kam, vergrößerte sich die Angst davor.
Moira lächelte immer noch, was kleine Grübchen in ihren Mundwinkeln verursachte. Sie war so glücklich und ich wusste noch nicht mal warum. „Moira...sag mal, was ist denn passiert? Du bist so gut drauf heute..“. Moira grinste noch mehr. Anscheinend hatte sie die ganze Zeit darauf gewartet, dass jemand fragen würde, was los sei. Etwas menschliches, dieses Provozieren einer Frage... „Soll ich es dir zeigen oder es dir nur sagen, Schätzchen?“. Die Art wie sie mit mir redete, ich wusste eigentlich was los war. Moira hatte einen neuen Freund. Sie redete immer so, wenn etwas in diese Richtung passiert war. Schon immer. „Zeig es mir“. Ich versuchte so zu wirken, als hätte ich keine Ahnung, denn Moira liebte es, mich zu überraschen, schon als wir Kinder waren, war das ihre Lieblingsbeschäftigung gewesen. Sie nahm mich an den Arm, in der Art,wie sie es immer tat, und zog mich etwas ungeduldig durch das Gebäude. Beim Vorbeilaufen schnappte ich vereinzelt Gesprächsfetzen der Anderen auf. Interessant, worüber man sich heutzutage sorgt, dachte ich mir, als mir auffiel, dass die Mehrheit über zu wenig Geld von den Eltern für Kleidung oder ähnlich, beziehungsweise über dämliche Lehrer und wie ungerecht die letzte Note doch war, redeten.
Kurz verspürte ich Wut auf diese Menschen, wie egoistisch sie doch waren. Zu wenig Geld! Andere würden sich ein Leben lang bedanken, wenn sie nur 5€ von jemanden im Monat bekämen, um ihre Familie zu ernähren und zu leben, eine Chance zu haben, doch diese egoistischen Miststücke hatten nie genug, waren nie dankbar. Stellten Forderungen über Forderungen, alles für sich. Das erste Mal kam es mir so vor, als wäre die gesamte Menschheit ein einziger egoistischer Haufen, die immer mehr Macht wollen, Geld, ein schönes Leben und nicht davor zurück scheuen, anderen das Leben schwer zu machen, damit sie ein schönes hatten. Der Zug an meinem Arm ließ nach und Moira lächelte, etwas außer Atem. Die Nervosität war in ihren Augen zu finden.
„Ronja. Ich habe mich verliebt...ich hatte es für unmöglich gehalten, das daraus etwas werden könnte und deswegen wusstest du von nichts, weil ich dich nicht mit in meine Sorgen ziehen wollte, verstehst du? Verzeih' mir, wenn ich einen Fehler gemacht habe...“. Moira lächelte schuldbewusst. Sie war kein egoistischer Mensch, dachte ich mit Freude. Moira würde sich auch nicht über zu wenig Geld beschweren, sie hatte gelernt, dass zu nehmen, was man hat, denn andere haben es deutlich schlechter als wir. Sie hatte mir schon als kleines Kind die Augen geöffnet. Moira war schon immer die Sorte Mensch gewesen, die ich bewunderte, für mich war es die große Schwester, die ich in ihr sah.
Schließlich nickte ich nur gutmütig und hätte sie am liebsten abküssen wollen, so lieb war sie wieder gewesen. Moira lächelte, man konnte ihr ansehen, was für ein Stein ihr vom Herzen gefallen war. „Wer ist denn zu beneiden?“,fragte ich sie und sah mich um. Moira lachte nur kurz, meinte, dass sie es mir doch ZEIGEN wollte und ging selbstbewusst zu einem Jungen hinüber, den ich am aller wenigsten erwartet hätte. Er begrüßte sie und das gleiche Lächeln malte sich auf seine Lippen. Dann küssten sich die Beiden, in mitten der Menge, der egoistischen Menschen, die sich wohl gerade dachten, wie gemein es ist, dass diese Beiden glücklich sind und eine Liebe gefunden haben und sie selbst nicht. Es war Laurent, den sie küsste. Laurent, der Schönling. Schon als er klein war, rannten ihm die Mädchen in Haufen hinterher. Ich musste ehrlich zugeben: Laurent war wirklich hübsch. Er hatte eher mädchenhafte Züge, und doch etwas männliches, erwachsenes an sich. Seine Haare waren braun, grau war die Farbe seiner großen Augen. Die Haare fielen ihm ins Gesicht, jedoch ordentlich gekämmt zu einem Seitenscheitel, fransig und doch elegant in einer Hinsicht. Er war eher zurückhaltend, lachte aber trotzdem gerne und oft. Laurent war ein guter Junge und erst jetzt viel mir auf, dass die beiden wie die Faust aufs Auge zusammen passten. Moira nahm seine Hand in ihre und ging mit ihm zu mir rüber. Das Lächeln war größer geworden, die Wangen, die übersät von schwachen und wenigen Sommersprossen waren, leicht gerötet. Ich hingegen lächelte einfach, den mehr viel mir nicht ein, was ich hätte an Gesten machen sollen. „Ich will dann weiter nicht stören...“,sagte ich lässig, doch eigentlich war ich traurig, nun den Rest der Pause alleine verbringen zu müssen. Moira sah mich etwas dankbar an und ging dann mit Laurent wieder weg. Weg sie und ließ mich alleine in dem Menschengetümmel.
Ehrlich gesagt hatte ich ein wenig gehofft, dass Moira meine Aussage, dass ich nicht stören wolle, verneinen würde, aber das hatte sie nun mal nicht getan. Wahrscheinlich störte ich wirklich.
Vielleicht war es auch einfach besser, nun, wo in meinem Kopf eh nur Verwirrung herrschte. Ich bahnte mir einen Weg durch das Menschengetümmel nach draußen an die frische Luft und setzte mich völlig ohne Zusammenhang an einen Baum, der ziemlich abseits von dem Rest des Geschehens lag. Von dort aus war das Stimmengewirr nicht mehr zu hören und für einen Moment war es nur das Rauschen der Blätter und mein eigenes Atmen, dass ich hörte. Die vollkommene Stille würde ich wohl nie wieder spüren, so wie in diesem Traum.
Ich setzte mich, irgendwie war mir schlecht. Mein Kopf pochte und stach, mein Herz, oder so etwas in der Nähe tobte wie wild. Die Frage, was jetzt eigentlich exakt genau mit mir vorgefallen war blieb offen und beantworten würde ich sie wohl nie können. Wahrscheinlich hatte ich einfach zu wenig Schlaf in letzter Zeit gehabt und es war einfach ein Schwächeanfall gewesen. Es war die Antwort, die für mich die einzig logische war und mein Kopfweh wurde weniger, allein dadurch, dass eine mögliche und logische Erklärung für alles da war.
Für alles? Nein noch lange nicht. Es war zum Beispiel noch nicht geklärt, warum ich unbedingt zu Robin wollte, warum er mir so viel bedeutete. Ich kannte ihn nur ein paar Minuten. Ich sah in das Blätterdach der Eiche, unter die ich mich gesetzt hatte. Durch die dicht aneinander gewachsenen Blätter ließen nur ein wenig von dem Sonnenlicht durch, dass leicht auf meiner Nase flackerte. Es machte mir Angst, das Licht förmlich zu sehen, seine Wärme aber nicht zu spüren. Es lag an dem Schatten, in dem ich saß, aber, diese Tatsache beruhigte mich keineswegs. Ich fühlte mich so anders. Leise, für mich seufzend lehnte ich mich an den festen Stamm der Eiche und schloss die Augen. Ich fühlte mich besser, als ich das Licht nicht mehr durch die Blätter flackern sah, sondern einfach nur mein, durch es leicht rote Lid meines Auges.
Ich wünschte mir meine Gitarre in meinen Händen, ich wünschte mir einen schönen Klang, der durch die Saiten surrte, ich wünschte mir die sanfte Berührung der Saiten auf meinen Fingerspitzen. Ein Lied zu spielen, einfach im Schatten eines Baumes, das wäre jetzt das Einzigste, was mich entspannen würde.
Ob Robin wohl auch ein Instrument spielt?
Schon wieder.
Robin.
Was war das? Verdammt noch mal. Ich war schon einmal verliebt gewesen und ich wusste, dass es nicht Liebe auf den ersten Blick gab, sondern nur einen Kribbeln durch den Bauch und ein wenig Geschwärme, aber nicht ein solches Gefühl, wie ich es hatte. Nicht durch fünf Minuten Kontakt. Niemals. Ich erinnerte mich nur ungern an die Geschichte, wo ich erfahren musste, wie weh es tuen kann, wenn es richtig war. Nicht nur dieses Geschwärme, von wegen, wie toll er doch aussieht und wie super er ist. Liebe. Liebte ich diesen komischen Kauz mit den grünen Augen etwa?
„Ja, das tust du. Eben Pubertät.“,seufzte mein Verstand, der für alles diese Antwort hatte. „Da stimmt was nicht!“, mein Bauchgefühl war skeptisch, doch meine Liebe zur Logik und damit zu meinem Verstand war nun einmal größer. Ich liebte ihn? Unmöglich, für mich, aber die einzige Logik in diesem Gewirr von Gedanken. So beschloss ich den Massenmord an Möglichkeiten und kam zu einer Entscheidung: Ich war verliebt in Robin. Mehr nicht, nicht weniger.
Ich öffnete die Augen und sah durch die Blätter in ein Stückchen blauen Himmel. Aber warum war mir dann so mulmig zu Mute? „Angst, aber du schaffst das schon! Das wird ein Spaß.“,sagte mein Verstand.
Damit verstummten meine Gedanken. Der Massenmord war für mich nun unumgänglich geworden.
Die Möglichkeiten waren getötet.